Ich selbst bin mein strengster Richter

Wenn du die Seite „Sabine Zehnder“ auf meiner Homepage gelesen hast, dann weißt du, dass ich Musikerin bin. Ich bin eine wirklich ganz passable Sängerin. Mir kommt zugute, dass ich sehr viel Leidenschaft, Gefühl und Musikalität mitbringe, sodass alles, was ich singe, immer ein ganz beachtliches Niveau hat.


Selbst, wenn ich mich versinge: Es klingt nie wirklich schlecht, was ich mache. Ich singe so schön, dass selbst ein von mir als falsch wahrgenommener Ton nie so daneben ist, dass es der Zuhörer als störend empfinden kann. Ich weiß das, weil ich irgendwann – trotz gehöriger Abneigung dagegen – Aufnahmen von mir gemacht und sie tagelang angehört habe. So lange, bis ich mich an das Hören meiner eigenen Stimme gewöhnt hatte und schließlich wirklich analytisch meine eigenen Interpretationen begutachten konnte. Und siehe da: Vermeintliche Fehler hörte man nicht. Stattdessen ist mir etwas anderes aufgefallen. Ich habe nur nachgesungen. Einfach das, was man so kennt, nachgesungen. Nur ohne Band, ohne Solos, ohne Tamtam – und daher stinklangweilig! Ich habe also begonnen, die Songs auszuarbeiten, Textstellen so zu betonen, wie ich sie empfinde und nicht mehr so, wie es das Original vorgibt. Jetzt werde ich oft gefragt, ob ich die Songs selbst geschrieben hätte, dabei sind das teilweise internationale Hits, die jeder kennen müsste. Aber eben auf die Zehnder-Art.

Beim Schreiben ist es ähnlich. Egal wie schnell oder flüchtig ich einen Text schreibe, er ist nie wirklich schlecht. Die Grammatik, die Sprache, die Wortwahl, die Rhetorik sind immer auf einem Level, dass ich es nach einiger Pause beim erneuten Lesen immer für richtig guten Stoff halte.

Und trotzdem: Ich habe schreckliches Lampenfieber als Sängerin. Und als Autorin schreibe ich zurzeit mein erstes Buch. Dabei kämpfe ich phasenweise mit Schreibblockaden, weil ich immer im Kopf habe, den stetig länger werdenden Text „dann noch mal überarbeiten“ zu müssen. Es stimmt nicht. Ich täusche mich. Meine Musik ist richtig gut. Meine Texte sind es auch. Ich möchte nicht versagen, ich möchte gut sein. Oder nein, ich möchte noch besser sein, als ich ohnehin schon bin. Ich möchte auf den Punkt abliefern können, auf Knopfdruck, sozusagen. Wenn dieser eine Moment nicht passt, dann halte ich nicht den Abgabetermin für mein Buch oder mein Auftritt platzt. Egal wie oft beides schon funktioniert hat.

Es sind Selbstzweifel. Ich zweifle an mir, ganz offensichtlich. Und es gibt keinen Grund dafür. Ich sage mir „Ich darf es auf keinen Fall versauen“ und setze mich damit selbst unter Druck. Niemand anderes, außer mir selbst, bestimmt, wie viel Druck ich habe. Auch, wenn er von außen kommt. Nehme ich ihn an? Entscheide ich mich vielleicht, einfach nicht mitzumachen und in Ruhe mein Bestes zu geben? Wenn das Beste nicht gut genug ist, vielleicht ist es dann eh die falsche Aufgabe, die wir uns herausgesucht haben …

Ein Leben am Rande der Belastungsgrenze ist jedenfalls keine Option. Ich habe nun zwei Strategien entworfen: Erstens, ich trete so oft wie möglich vor Leuten auf, egal wie viele es sind, Hauptsache öffentlich. Und ich konzentriere mich nur auf die Leidenschaft, nie auf die Töne. Zweitens, ein kurzes Telefonat mit meiner Ansprechpartnerin beim Verlag ergab in wenigen Minuten die Erkenntnis: Ich schreibe einfach so viel wie ich schaffe.

Und wieder habe ich erkannt: Ich selbst bin mein strengster Richter. Wie ist das bei dir?

Sabine