Schuldig?

In den letzten Tagen habe ich mich angesichts einer nachdenklichen Unterhaltung mit dem Wort „Schuld“ beschäftigt.


„Kennst du das Gefühl, schuld an etwas zu sein?“, wurde ich gefragt. Nach relativ kurzer Überlegung fiel mir tatsächlich eine Situation ein, an der ich mich schuldig fühle. Das überraschte mich, denn ich neige eigentlich nicht dazu, in Kategorien wie schwarz/weiß, gut/böse oder eben schuldig/unschuldig zu denken. Meine Einstellung ist an sich die, dass die Wahrheit nie absolut ist, sondern relativ und immer zwischen zwei Extremen liegt. Und dennoch, ich fühlte mich schuldig an der erinnerten Situation. Dieses Gefühl verursachte sofort Schwere, tiefe Trauer und mein Blick fiel zu Boden. War es vielleicht Scham, die sich da breit machte? Für mein früheres Verhalten, für den unwiderruflichen Fehler, den ich begangen hatte?

Schuld zu sein, das ist wie ein Makel. Ein irreparabler Fehler an sich selbst. Ein Brandzeichen, mitten auf der Stirn. Und eine schwere Last.

Im strafrechtlichen Sinne bedeutet das Wort Schuld „Vorwerfbarkeit einer Straftat“, sagt Wikipedia. Im Strafrecht jedoch gibt es einen Katalog – das Gesetz – nach dem eine Schuld beglichen werden kann. Abgesessen, wie es so schön heißt. Danach ist das Thema erledigt. Aber im normalen Leben? Wie wird man Schuld los, wie kann man sie ableisten? Wohl gar nicht.

Ich habe mir überlegt, welcher Begriff wohl eher zu meinem Weltbild passt. Dazu, nicht absolut zu sein oder in Extremen zu denken. Und wie von selbst fiel mir sofort der Begriff „Verantwortung“ ein. Verantwortung übernimmt man, schuldig ist man. Die Identifikation mit dem Begriff Schuld ist eine extrem starke. Aber ersetzt man in seinem Denken, seinem Reden dieses harte Wort mit „Verantwortung“, so entwickelt sich sofort ein anderes Gefühl.

„Ich bin schuld.“ vs. „Ich bin verantwortlich dafür.“

Wenn man Verantwortung für einen Fehler übernimmt, so ist man nicht hilflos gefangen in einem unumstößlichen Urteil. Man kann weiterhin handeln. Und Verantwortung ist teilbar. An welchen Teilen, so überlegte ich, bin ich gar nicht verantwortlich, sondern jemand anderes? Haben wir damals vielleicht gemeinsam einen Fehler begangen? Einen folgenschweren Fehler, der das Leben, wie es vorher war, unmöglich gemacht hat? Und ja. Ich bin verantwortlich und das nehme ich an – doch bin ich es nicht alleine. Ich trage keine Schuld, die durch (Selbst-)Bestrafung beglichen werden muss. Jetzt geht es mir besser. Und meinem Freund, der die eingangs gestellte Frage aufwarf, hoffentlich auch.

Du bist nicht schuld, nimm einfach die Verantwortung an. Für dein Handeln, für deine Entscheidungen, für dein Leben.

Mit erleichterten Grüße,
Sabine