Mit allen Wassern gewaschen

Mein sehr spezieller Lebenslauf erforderte frühzeitig die Fähigkeit, Probleme eigenständig zu lösen. Das habe ich schließlich zu meinem Beruf gemacht.

Hier ist meine Story

Ich habe das Unfassbare erlebt. Das, wovor sich alle fürchten: Eines Abends wurde ich als Teenager gezielt ausgeknockt und überfallen – zum Glück zu einer Zeit, in der es noch keine Handys gab …

Nun bin ich von meinem Charakter her nicht gerade der Typ, der sich mit der Opferrolle abgibt oder gern Schwäche zeigt. Also habe ich versucht, den Angreifern Paroli zu bieten, was in einer jahrelangen Auseinandersetzung ausgeartet ist, die mich zwang – ausschließlich bewaffnet mit Pfefferspray und Doc Martens – ständig auf der Hut zu sein. Man bedenke: Die Angreifer – nicht viel älter als ich selbst – lebten Luftlinie keine 1,5 km von meinem Elternhaus entfernt, der Ort des Geschehens war gerade mal 500 m entfernt. Und: Sie hatten panische Angst, dass ich ihre Tat erzählen könnte und sie zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Das brachte eine gewisse Dynamik mit sich: Bedrohungen, Auflauern und allen Ernstes weitere Attacken mit dem Ziel, mich einzuschüchtern. Tja, alles erfolglos. Angst hatte ich nicht. Nur eben auch kein besonderes Interesse daran, diese äußerst unangenehme Geschichte mit jemandem zu teilen. Wirklich belastend waren vor allem die Jahre danach: Wem kann ich trauen? Wie kann ich mich verteidigen? Wahnsinnige Probleme für ein gerade mal 14-jähriges Punker-Gör, dem der typische Ärger zu Hause und in der Schule schon gereicht hätte. Zumal meine Eltern und Lehrer viele meiner »Aktionen« ja überhaupt nicht nachvollziehen konnten, weil sie gar nicht wussten, um was es für mich ging.

Vermeintlich ganz alleine mit der Situation bin ich kämpferisch geblieben, dennoch aber abgedriftet. Ich habe gedealt, geklaut, beinahe die Realschule ganz abgebrochen und bin über die Jahre hinweg abhängig geworden. Ich habe Todessehnsucht erfahren, über Jahre kaum geschlafen und chronisch u.a. unter Kopfschmerzen gelitten. Eine Therapie o. Ä. habe ich aber nie gemacht. Auch, weil ich den Zusammenhang lange nicht erkannt habe. Ich wollte mir auf keinen Fall eingestehen, dass mir die Geschehnisse etwas ausmachen. „Ihr kriegt mich nicht klein“ war die Devise. Und eigentlich dachte ich, wenn ich irgendwann weg ziehe, wird alles gut.

Doch weit gefehlt, denn dann hatte ich ja bereits 8 Jahre Dauerstress hinter mir und ich vermute, ich hatte eine Zeit lang Depressionen, von der anhaltenden Todessehnsucht mal ganz zu schweigen. Und das ist eine ziemlich miese Sache ... mein Körper ist schließlich mit noch nicht mal 30 in die Knie gegangen. Der erste von zwei Burn-outs war nahezu unausweichlich, nachdem ich auch noch beruflich als Projektmanagerin unter hohem Druck stand, aber keinerlei Reserven hatte. Ich war gerade mal 31, aber der dauerhafte Stresspegel war einfach viel zu hoch und eine enorme Belastung. Damals entschied ich mich auch, radikal clean zu werden und zu bleiben.

Im Detail und in der Gänze könnte ich noch etliches mehr erzählen, aber bevor Sie beim Lesen schlechte Laune bekommen, gehe ich besser zum guten Teil über.

Denn trotzdem habe ich es geschafft, entgegen aller Schwierigkeiten, genau die richtigen Entscheidungen zu treffen und eben nicht komplett abzustürzen: Statt die Schule abzubrechen, habe ich entgegen aller Prognosen nach der Realschule Abitur gemacht. Danach Soziale Arbeit studiert – und zum Entsetzen meiner Eltern abgebrochen, um radikal das Fach zu wechseln: zur Informatik. Ich bin Software-Entwicklerin, Projektmanagerin, Expertin für die Rettung von IT-Projekten geworden. Und persönlich habe ich kontinuierlich neue Menschen kennengelernt und von ihnen gelernt. Freundschaften geschlossen, zu vertrauen gelernt. Ich habe die schönsten Beziehungen geführt und tiefe Liebe erfahren, die Angst überwunden. Mit viel, viel Hartnäckigkeit. Und rotzfrech – mit unerschütterlichem Humor, Mut und der festen Überzeugung, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Und eines wusste ich immer: Mit mir ist alles in Ordnung, auch wenn es oftmals nicht danach ausgesehen haben muss.

Ein Gesamtkunstwerk

Als ich durch das Schlimmste durch war – clean und beruflich aufgestellt – habe ich begonnen, mir nach und nach einfach alle Wünsche zu erfüllen, die so im Laufe der Zeit in all dem Chaos unerfüllt geblieben sind. Im Herzen bin ich schon von Klein auf Musikerin, also habe ich begonnen, Gitarre spielen zu lernen, bin zur Sängerin geworden und seit kurzem spiele ich Schlagzeug. Ich lebe wie eine Künstlerin in meinem Häuschen, in dem es keine Regeln, dafür aber viele Gäste gibt. Es gibt Platz für Kunst, für Musik, für Sport und Literatur. Ich unterrichte dort Yoga und schreibe an meinem ersten Buch, das im Herbst 2018 erscheint. Und das alles als selbstständige Unternehmerin. Ein freier Geist in einer freien Umgebung. So muss das sein.

Die wichtigste Lektion

Meine Eltern und Großeltern haben mir beigebracht, dass Aufgeben keine Option ist. Es kommt nicht darauf an, in welcher Situation du gerade steckst, es kommt darauf an, was du weißt und was du einsetzen kannst. Bist du nicht ganz auf den Kopf gefallen, bist du bereit zu lernen, bist du in der Lage, gründlich Entscheidungen zu treffen und dich nicht beirren zu lassen, dann kannst du dich entwickeln. Und zwar wohin du willst. Auch wenn es richtig schlecht läuft, kann es trotzdem gleichzeitig in die richtige Richtung gehen.

Es gibt für alles eine Lösung. Und wie das geht, kann ich Ihnen zeigen! Ich bin der beste Beweis.
Das Leben ist kurz genug, um es nicht wenigstens zu versuchen.